Auswirkungen des Alters auf den aktiven Bewegungsapparat

Aufgrund der Irreversibilität und Progressivität des Alterungsprozesses kommt es irgendwann zu pathologischen Veränderungen. Diese betreffen meistens zuerst den aktiven Bewegungsapparat und danach zunehmend den Passiven. Zu den typischen Veränderungen zählen z.B. Atrophien oder das Ermüdungssyndrom der Wirbelsäule. 

 

Atrophien

Atrophien können aus verschiedenen Gründen entstehen. Mögliche Ursachen dafür können Inaktivität, Erkrankungen des Skelettsystems, unpassende Sättel oder Erkrankungen der inneren Organe sein.

Die Skelettmuskulatur gehört zu den Organen, deren Zellen sich nach der Differenzierung nicht mehr teilen, und dadurch nachweislich altersbedingte Funktionsverluste zeigen. Die Muskulatur ist für gewöhnlich nicht mehr so elastisch und wird anfälliger für Verletzungen. So kann z.B. der lange Rückenmuskel infolge einer unkontrollierten Bewegung gedehnt, gezerrt oder auch gerissen werden. Durch Ausrutschen oder Stürze können einzelne oder mehrere Muskelfasern beschädigt werden. Örtliche Schmerzhaftigkeit verbunden mit einer Schwellung der betroffenen Muskulatur sind typische Symptome. Zudem wird der Rücken steif gehalten und die Pferde zeigen eine deutliche Reduktion der Hinterhandaktion. Auch ist die Flexibilität der Brustlendenwirbelsäule deutlich reduziert. Die dadurch entstehende Schonhaltung führt zu weiteren Problemen, u.a. zu einer lokalisierten Muskelatrophie. Die Leistungsfähigkeit nimmt bei älteren Pferden nicht in dem Maße ab wie z.B. bei älteren Menschen, allerdings haben sie mit zunehmendem Alter ein geringeres Bewegungsbedürfnis. Bei der Weidehaltung werden z.B. die Laufspiele vermehrt durch Ruhen oder soziale Interaktionen (z.B. Fellkraulen) ersetzt. Der Bewegungsbedarf eines alten Pferdes nimmt jedoch nicht ab. D.h. das ältere Pferde ebenso Bewegung benötigen wie ihre jüngeren Artgenossen. Möglichkeiten der täglichen Bewegung können neben dem Reiten auch lange Spaziergänge oder das Mitnehmen als Handpferd sein. Täglicher Weidegang ist besonders wichtig für Pferde, die nicht regelmäßig bewegt werden und vorwiegend in der Box gehalten werden. Bei reiner Boxenhaltung ohne regelmäßige Bewegung ist eine generalisierte Muskelatrophie vorprogrammiert. Die Muskeln werden immer mehr durch Bindegewebe oder Fett-gewebe ersetzt. Hinzu kommt noch das sich die Nervenzellen im Alter vermindern. Diese können, da es sich um nicht mehr teilungsfähige Zellen handelt, nicht ersetzt werden. Die Muskulatur wird somit nicht mehr richtig durch die Nerven innerviert.

Ermüdungssyndrom der Wirbelsäule 

Bestimmte Faktoren, wie z.B. das verkleben der Muskelfascien, Stürze oder Gelenkblockaden, führen zu einem Nachlassen der Hinterhandaktivität. Ist das geschehen, wird ein aktives Anheben des Rückens unmöglich. Da die Muskulatur alleine nicht in der Lage ist ein Reitergewicht (und sei es noch so gering) zu tragen, kommt es zu einer Erschöpfung der Targemuskulatur. Als Folge davon senkt sich die Wirbelsäule und es können verschiedene Rückenerkrankungen, wie z.B. Extensionsblockierungen einzelner oder mehrerer Wirbel, Kissing Spines oder Rupturen im Ligamentum ventrale entstehen. Die Ermüdung der Wirbelsäule zeigt sich im Endstadium deutlich, durch folgende Veränderungen:

Die Widerristmuskulatur ist eingefallen. Die Ursache dafür, liegt in der permanenten Extensionshaltung der Wirbelsäule.

Die Rückenmuskulatur atrophiert. Aufgrund der Extensionshaltung der Wirbelsäule und die damit einhergehende mangelnde Flexion, kann die Muskulatur nicht mehr arbeiten. 

Eine karpfige Lendenwirbelsäule. Durch den krampfartigen Hypertonus der Bauch-muskulatur, der dem Schutz der von ventral nicht knöchern fixierten Lendenwirbelsäule dient.

Der letzte Lendenwirbel (L6) und das Os sacrum (Kreuzbein) befinden sich, durch das Absinken der Wirbelsäule, in Extensionsstellung (Überstreckung).

Das Coccygis (Steißbein) ist prominent und oftmals lateroflexiert. Die Prominenz entsteht einerseits durch die atrophierte Kruppenmuskulatur, andererseits wird es durch die Extension der Sacrumbasis nach oben gedrückt. Die seitliche Rotation entsteht durch den Dauerzug coccygealer Muskulatur aufgrund einer Reizung des Iliosacralgelenkes.

 

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